Gemeinwohlökonomie ein grenzüberschreitendes Thema

Gemeinwohlökonomie ein grenzüberschreitendes Thema beim cafa-rso

 

Christian Felber referiert bei einer Veranstaltung des CAFA-RSO Strasbourg, 20./22.3.2019

Christian Felber ist 15-facher Buchautor, Universitätslehrer und Tänzer, und es kann schon einmal vorkommen, daß er während eines Vortrags einen Handstand macht.
So auch am Mittwoch (20.3.2019), als er als Gast des Club d’Affaires franco-allemand du Rhin- Superieur-Oberrhein (CAFA-RSO) im Palais Schutzenberger in Strasbourg über seine Theorie und Praxis der „Gemeinwohl-Ökonomie“ referierte.

Während auf den Straßen Europas Schüler für den Klimaschutz demonstrieren und die Gilets Jaune in Frankreich gegen die Regierung protestieren, wird es immer mehr Menschen klar, daß wir nicht so weiter wirtschaften können wie bisher,

Mehr als 100 Gäste hörten deshalb gebannt dem anderthalbstündigen Vortrag Christian Felbers zu, in dem er einen logisch-überzeugenden Parcours durch Sprachwissenschaft, Philosophie und Wirtschaftswissenschaft absolvierte.

Für ihn ist „Ökonomie“ schon vom Wortsinn her die Lehre vom Gemeinwohl. Was wir heute als „Ökonomie“ bezeichnen sei die Pervertierung dieses Ansatzes und mache das Geld zum Zweck aller Bestrebungen, obwohl es eigentlich bei Aristoteles nur das Mittel zum Gemeinwohl gewesen sei.

Felber fordert vehement politische Anreize für Firmen, die bereit sind, dem ursprünglichen Sinn der „Ökonomie“ zu folgen und statt der am Geld-Gewinn ausgerichteten Wirtschaftsbilanz eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Diese soll die nachhaltigen Erfolge eines Unternehmens in den Bereichen der Ökologie und des gesellschaftlichen Zusammenspiels dokumentieren. Erst, wenn sich diese Währung zur Beurteilung wirtschaftlichen Handelns ändere, werden die Grundbedürfnisse des Menschen nach Glück, Zusammenhalt und Frieden in einer gesunden Umwelt wieder hergestellt werden können.

Genau zwischen den antagonistischen Systemen des Kapitalismus und des Sozialismus verortet, geht die „Gemeinwohl-Ökonomie“ über die „Soziale Marktwirtschaft“ eines Ludwig Erhards hinaus, erreicht aber nicht die wirtschaftliche Gleichschaltung von Unternehmen im Genossenschaftswesen eines Friedrich Wilhelm Raiffeisen oder Hermann Schulze-Delitzsch.

Überhaupt hat sich Christian Felber der Sinuskurve der Normalverteilung, wie wir sie aus der Mathematik kennen, verschrieben. Er möchte in allen gesellschaftlichen Bereichen extreme Ausschläge vermeiden und setzt auf den gesunden Menschenverstand. In einem Live-Experiment ließ er die Anwesenden darüber abstimmen, welches Vielfache des Mindestlohns als legitime Höchstgrenze des persönlichen Verdienstes angesehen wird. Dabei stimmten die Anwesenden genauso ab, wie Probanden bei repräsentativen Umfragen in vielen größeren Industrienationen: Der Maximalverdienst sollte demnach bei etwa dem 10-20fachen des Mindestlohnes liegen. Alles, was darüber hinaus geht – genauso aber eine absolute Gleichmacherei – werden allgemein als unethisch empfunden.

Nach dem Vortrag Felbers kamen Vertreter der Samariter-Stiftung, der Meiko-Stiftung und der Sparkasse im Elsaß zu Wort und erläuterten, welche unterschiedlichen Ansätze sie bereits seit längerem verfolgen, um das Gemeinwohl zu stärken. Während die Samariter-Stiftung zu den bisher 500 Unternehmungen gehört, die nach den Vorgaben Christian Felbers ganz konkret formalisierte Gemeinwohl-Bilanzen erstellen, hält es die Firma Meiko schon seit bald 50 Jahren für selbstverständlich, als Familienstiftung auf die Ausschüttung von Gewinnen zu verzichten und sie statt dessen zum Wohle der Belegschaft wieder zu investieren. Die Sparkasse im Elsaß sieht ihre Aufgabe darin, gesellschaftliche Randgruppen zu unterstützen, und regionale Kultur-Förderung zu betreiben.

Bei der regen Diskussion mit den Anwesenden und beim abschließenden Empfang, zu dem der CAFA RSO eingeladen hatte, zeigten sich viele Besucher begeistert von dem Szenario, welches die Gemeinwohl-Ökonomie anbietet, und es wird vermutlich bald auch in Frankreich mehr Unternehmen geben, die sich als „Pfadfinder“ auf diesen Weg begeben. Die erste Regionalgruppe, bei der Mitstreiter willkommen sind, befindet sich in Strasbourg.

Hier wird begonnen, die Wirtschaft von den Händen auf die Füße zu stellen, was Christian Felbers Handstand demonstrieren sollte.

www.ecogood.org

www.cafa-rso.eu

FOTOS: © Patrick Flick – CAFA-RSO

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